Plötzlich diese Übersicht, meint der Käfer
Die Kuratoren Brigitte Kölle und Tim Voss über Recherche und Cluster-Bildung der subvision Künstlerinitiativen. “Plötzlich diese Übersicht, meint der Käfer” ist Titel einer Arbeit des Schweizer Künstlerduos Fischli & Weiss.
Das erstaunliche Panorama internationaler Künstlerinitiativen, die Vielfalt der jeweiligen künstlerischen Ausstellungs- und Vermittlungsformate, und nicht zuletzt die Spontaneität und Lebendigkeit der Initiativen – und teilweise auch ihre Kurzlebigkeit – stellen besondere Anforderungen und Herausforderungen an ein Kunstfestival wie subvision dar. Was einerseits einen großen Reiz ausmacht, ist andererseits ein erschwerendes Moment, wenn es darum geht, einen Querschnitt durch die Materie zu ermöglichen, der über einen nur punktuellen Einblick hinausgeht und zugleich für den Festivalbesucher unmittelbar zugänglich ist. Bei der intensiven Recherche und Einarbeitung in das weite Feld der künstlerischen, kollektiven Selbstorganisation, haben die Kuratoren Brigitte Kölle und Tim Voss einzelne ‚Cluster’ ausgemacht, die trotz aller Überschneidungen und Schnittmengen untereinander eine offene Strukturierung und Klassifizierung ermöglichen. Diese ‚Cluster’ sollen sich auch in einzelnen, auf sie abgestimmten Elementen der Ausstellungsarchitektur widerspiegeln und so für den Ausstellungsbesucher visuell und räumlich erfahrbar sein.
Abbildung © Gugulective, Cape Town (ZA)
Ein großer Anteil der internationalen Künstlerinitiativen versteht sich als so genannter artist-run space, also als ein Projekt- und Ausstellungsraum, der von Künstlern für Künstler eingerichtet wurde. Gleichsam das klassische Ur-Modell eines solchen artist-run space, das bis in heutige Zeit aktiv und tragfähig geblieben ist, ist die Wiener Secession, gegründet 1897.
Es gibt vielfältige Ausformungen von artist-run spaces, von den sich an professionellen, institutionellen Strukturen (wie Kunsthallen und Kunst-vereinen) orientierenden Räumen bis hin zu artist-run spaces, die sich innerhalb eines persönlichen Kontexts insbesondere an eine ‚Peer Group’ richten, um von dieser Keimzelle aus kleine Veränderungen und Verschiebungen im unmittelbaren Kunst-Umfeld zu bewirken. Beispiele für letzteres ist The Suburban in der Umgebung von Chicago, ein von den Künstlern Michelle Grabner und Brad Killam 1999 gegründeter Projektraum oder besser gesagt: die Garage neben ihrem Wohnhaus, in dem auf kleinstem Raum seit vielen Jahren hochkarätige Ausstellungen stattfinden.
Abbildung © The Hex, London (UK)
Auch The Hex Projects im Londoner Stadtteil Hackney ist unmittelbar an das (häusliche) Leben der beiden Betreiber Maria Zahle und Jason Dungan angebunden: In loser Folge werden in der Wohnung der beiden jungen Künstler Ausstellungen von befreundeten Künstlern präsentiert, die sie für fördernswert und im gängigen Kunstbetrieb für unterrepräsentiert halten.
Andere Initiativen verstehen sich als ‚Projekträume ohne Räume’. Sie haben sich ein nomadisches Leben zu eigen gemacht, und nisten sich jeweils dort ein, wo es möglich und nötig erscheint. Eine Initiative aus Sydney trägt den sprechenden Namen squatspace (to squat = besetzen). Der so genannte guestroom ist immer dort anzutreffen, wo Ideen umgesetzt und Projekte realisiert werden sollen, das kann eine Plakatwand sein, eine Buchbinderei, oder das Londoner Atelier der beiden Künstlerinnen Maria Benjamin und Ruth Höflich.
Abbildung © Unwetter, Berlin (DE)
International bekannt geworden als Beispiel einer nomadischen Einrichtung ist die Wrong Gallery aus New York, ein 1 Quadratmeter großer Raum hinter einer Glastür im Galerienviertel Chelsea, in dem ein internationales Trio aus einem Künstler, einem Kurator und einer Kritikerin über mehrere Jahre ein Aufsehen erregendes Ausstellungsprogramm auf die Beine stellten. Inzwischen hat sich der kleine, effektive Parasit in der Londoner Tate Modern eingenistet.
Neben den artist-run spaces und den nomadisch arbeitenden Initiativen gibt es andere, die das ‚Land’ bzw. einzelne Landstriche als offenen Raum, als Feld der Möglichkeit und der künstlerischen Intervention verstehen. About the land aus Thailand oder die dänische Künstlergruppe n55 sind hier anzusiedeln. Beide haben ihre Teilnahme an subvision zugesagt.
Weitere ‚Cluster’ wären: Einer Akademie vergleichbare Lern- und Diskussionssorte (united nations plaza, Berlin/New York: ‚an art project as a school’), so genannte research center (CLUI Center for Landuse Interpretation, Los Angeles), Archive (CAA Center for Art Analysis, Bukarest), Magazine und Fanzines (adbusters, Vancouver), oder das umfangreiche Archiv von low-budget Künstlerpublikationen publish and be damned aus London.
Abbildung © Publish and be damned, London (UK)
Es gibt Initiativen, die sich als community oriented, soll heißen: in einem starken produktiven Abhänigigkeitsverhältnis zu ihrer sozialen Umgebung verstehen. Die aus sieben Künstlern bestehende, in Kapstadt ansässige Initiative Gugulective wäre ohne eine benachteiligtes städtisches Randgebiet in einer Zeit der Post-Apartheid vermutlich nicht zu denken. Das an der US-mexikanischen Grenze ansässige Estación Tijuana speist wesentliche Energien für seine interdisziplinäre und transnationale Arbeit aus seiner geographische Lage und sozialen Einbindung. Auch das Isola Art Center in Mailand ist ursprünglich ein ‚Nachbarschaftshilfe-Projekt’, um einen innerstädtischen Bau vor privaten Investoren zu schützen und als Kunststätte für die Menschen vor Ort zu erhalten.
Andere Künstlerinitiativen widmen sich dem öffentlichen Raum (street art), dem Bereich der Werbung und des Marketing (adbusting), um durch Methoden wie beispielsweise des so genannten cultural jammings, anhand von Guerilla Taktiken und von aktivistischen Interventionen, Wahrnehmungs- und Bewusstwerdungsprozesse in Gang zu setzen. Hierzu zählen d-i-n-a aus Barcelona, das memefest aus Ljubljana, die Wooster Collective aus New York (‚a celebration of street art’) oder die Billboard Liberation Front aus Oakland (‚establishing a new paradigm in street marketing’).
Abbildung © Wooster Collective, New York (US)
Wenn die Wiener Künstlerinitiative monochrom ein so genanntes Firmen-Hymnen-Singen veranstaltet, eine andere Initiative für seine Gäste kocht oder Picknicks ausrichtet, eine weitere Lesungen, Performances oder slam poetry sessions veranstaltet, so sind das performative Arbeitsformate, die zwar ephemer in ihrer Erscheinung sind, doch als Ereignisse hoffentlich nachhaltig in der Erinnerung der Festivalbesucher bleiben werden.



