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(Dis)comfort (Im)materiality

Beitrag von Christina Ruppert Marcos Ramirez Erre, Leiter und Gründer des artist-run space Estación, Tijuana, steht gemeinsam mit dem von ihm eingeladenen Architekten Sebastian Mariscal im Rahmen des ersten Artist Talks der subvision Akademie provokanten Fragen Rede und Antwort. Die Künstlerkollektive Barbur und Darom präsentierten ihre Ansätze und berichten über die Schwierigkeiten der Produktion von zeitgenössischer Kunst in Israel. Beide Talks kreisen um die Frage, inwiefern die Kategorie “off” für die künstlerische Praxis der besagten artist-run spaces von Bedeutung ist.

Toskanisch anmutende Villen reihen sich neben Schweizer Chalets und improvisierten Märchenschlösschen – die einführenden Worte von Marcos Ramirez Erre beziehen sich jedoch nicht auf das in Kalifornien gelegene Disneyland, sondern erzählen von der an der amerikanisch-mexikanischen Grenze gelegenen Stadt Tijuana. Der Bezug zu Disneyland kommt jedoch nicht von ungefähr – tatsächlich definiere sich die urbane Struktur durch eine scheinbar amerikanisierte und idealisierte Definition von Mexicanitá, geprägt durch bunte Sombreros in allen erdenklichen Größen, monumentale Mahnmale, mexikanische Nationalflaggen oder Burrito-Fastfood-Ketten. Tijuana steht mit seiner bizarren Mischung aus fremdbestimmten Identitätszuschreibungen, die zugleich das nationale Selbstverständnis prägt, im Gegensatz zum benachbarten San Diego, das sich durch seine uniformen und durchkomponierten Reihenhäuser auszeichnet.

Programmatisch für den von Marcos Ramirez ERRE gegründeten artist-run space Estación Tijuana ist seine Situation in einem Gebiet, das durch seine Gegensätze geprägt ist. Durch unterschiedlichste Brillen erkundet Erre die Lebensbedingungen seiner Heimat – und lässt das Gebiet gerne von interdisziplinären Ansätzen beleuchten. Diesen Ausgangsbedingungen folgend, sind auch die von drei Künstlern bespielten Container eine Geschichte der Erkundung, der Grenzziehung und der Dekonstruktion von Zuschreibungen der Region.

Der Architekt Sebastian Mariscal, selbst in San Diego lebend, sieht die beiden Städte trotz ihrer Gegensätzlichkeit durch ihre Abhängigkeit miteinander verbunden. Mariscal vergleicht den Dualismus der beiden Städte aus seiner architektonischen Perspektive mit siamesischen Zwillingen, die ohne die Existenz des Anderen nicht existieren können. Diese Interdependenz benennt er als (un)behagliche (Im)materialität - (dis)comfort (im)materiality.

Die behagliche Materialität, die ihm in seinem US-amerikanischen Alltag begegne – sei es beispielsweise in Form von dauerklimatisierten Innenräumen oder seriell hergestellten Reihenhäusern – stehe in einem nahezu absurden Kontrast zur improvisierten, unaufgeräumten und allerorts unfertigen Architektur Tijuanas. Durch die Verwendung von abgenutzten Autoreifen zitiert Mariscal auf dem subvision Gelände einerseits das vielfältig eingesetzte Material, das, aus amerikanischen Mülldeponien stammend, in mexikanischen Haushalten etwa in Form von Wandkonstruktionen ihre weitere Verwendung findet. Auf dem Claim stellen die Reifen zugleich ein unbequemes Hindernis dar. Nur langsam und schwer sind die von Innen bespielten Container zu erreichen. Bedingungen, die an die schwierigen, zum großen Teil fatalen Grenzübergänge migrationswilliger Mexikaner erinnern sollen.

Luis Sánchez Ramírez - persönlich an diesem Abend nicht anwesend – ist einer der Mexikaner, der, wie tausende andere, den strapaziösen Grenzübertritt auf sich genommen hat. Die einzelnen Stationen hat er nun nach Jahren wieder aufgesucht und fotografisch festgehalten. Traumsequenzen gleich reihen sich die einzelnen Stationen seiner Odyssee auf. Javier Ramirez Limón bleibt auf mexikanischem Terrain und thematisiert in seinem fotografischen Triptychon den Drogenhandel an der “Christal Frontier”.

Auf die Frage, ob die interdisziplinären Arbeiten der geladenen Künstler dazu dienen sollen, sich von dem von Außen implementierten und clichéhaften Blick auf die Heimatstadt zu emanzipieren, antwortet Erre mit einem dezidierten Nein. „Tijuana ist eine Hure“, so Erre, “aber diese Hure ist meine Mutter.“ Tijuana verkaufe sich und sein clichéhaftes Bild und erfülle somit die an die Stadt getragenen Erwartungen. Dennoch sei es eine „Hure“, die es zu erziehen gelte. In Tijuana gäbe es kaum Räume für zeitgenössische Kunst. Erres Intention sei es, den schwierigen Bedingungen für zeitgenössische Kunst in Tijuana eine Plattform und eine Stimme zu bieten.

Die aus dem Publikum gestellte Frage, inwiefern hier die künstlerische Praxis als “off“ begriffen werde, brachte die in Hamburg zur Zeit rege diskutierte Polemik zum ersten Mal im Rahmen eines Talks in die subvision Akademie. Wahrscheinlich fußte diese Frage auf dem Hintergrund des augenscheinlich recht etablierten Architekten Sebastian Mariscal. Dieser zeigte während der Präsentation eine imposante Ansammlung von Auftragsarbeiten.

Erre selbst sieht hier keinen Widerspruch: weder zu seiner künstlerischen Praxis, noch zum Gesamtansatz von Estación Tijuana. Nur weil ein Künstler mit seiner Arbeit Geld verdiene, sei dies noch lange kein Verrat an seiner künstlerischen Integrität. Vielmehr sieht Erre in der Identifikation mit einem “off“ den Gestus einer bewussten Marginalisierung. Mit Estación Tijuana versuche er gerade durch die Sichtbarmachung von zeitgenössischer Kunst ebendiese Marginalisierung zu überwinden.

Nun umfasst der Begriff des “off“ weitaus mehr identifikatorische und substantielle Ebenen, als sie im Rahmen des Talks angesprochen wurden. Deutlich wurde jedoch, dass es sich hierbei um einen durchaus problematischen Begriff handelt, soll er dazu dienen, jegliche Formen von künstlerischen Praxen zu subsummieren die “irgendwie antikommerziell und selbstorganisiert“ sind.

Deutlich wurde dies ebenfalls in der anschließenden Präsentation der zwei israelischen artist-run spaces Barbur und Darom. Barbur wurde 2005 von fünf Abgängern der Bezalel academy of fine art and design in Jerusalem gegründet. Entgegen der gängigen Praxis der meisten Studienabgänger, die nach dem Abschluss ins Ausland oder zumindest in das kulturell weitaus belebtere Tel Aviv ziehen, haben sich die fünf dazu entschlossen in Jerusalem zu bleiben. Als Hauptstadt beherbergt Jerusalem neben dem Regierungssitz vor allem politische Institutionen. Eine lebendige, vielfältige kulturelle Szene sei hier, so Avi Sabah von Barbur, trotz der Akademie kaum vorzufinden.

Mit Hilfe eines Sozialarbeiters hat das Künstlerkollektiv Barbur für seine erste Ausstellung einen leer stehenden Kindergarten im Viertel Nachlaot gefunden und eigenhändig renoviert. Nach einem Jahr selbstorganisierter Praxis erhält Barbur mittlerweile finanzielle Unterstützung durch die Stadt. Dezidiert als Kulturzentrum für die umliegende Gemeinde intendiert, verfolgt Barbur, deren fünf Mitglieder alle Maler sind, ein interdisziplinäres Programm, das von Filmvorführungen über Ausstellungen bis hin zu Malkursen reicht. Ziel ist es, dem heterogenen Viertel eine gesellschaftliche Plattform zu bieten. Dabei setzt Barbur bewusst auf einen Schwerpunkt, der sich inhaltlich von den gängigen Programmen zeitgenössischer Galerien absetzen soll, die ihrer Ansicht nach dazu tendieren, dem Geschmack eines bildungsbürgerlichen und abgehobenen Publikums gerecht zu werden.

In Kauf genommen wird dabei, dass die Inhalte der Ausstellungen oder Filmvorführungen vorerst mit den städtischen Gremien abgesprochen werden müssen. Auf die Frage, ob sie dadurch ihre künstlerische Praxis gefährdet sehen, haben sie folgende Antwort: „Wir wollen einem möglichst breiten Publikum Kunst zugänglich machen. Unser Publikum stellt sich zum großen Teil aus unserer Nachbarschaft zusammen: aus Studenten, Arbeitern, alten, jungen, säkularen und orthodoxen Menschen. Wenn sie eine nackte Frontalansicht eines Mannes beleidigt und sie sich in Ihrem Schamgefühl verletzt fühlen, so respektieren wir das. Es geht uns nicht um Provokation, sondern darum ein Teil der Gesellschaft zu sein, in der wir leben.“