Gestaltungskonzept
Beitrag von Prof. Ingo Offermanns für den Kurzführer des Festivals “Gestaltungskonzepte” oder “Kommunikationsstrategien” suggerieren Überblick und Kontrolle. Diesen Begriffen haftet aber auch immer der Beigeschmack des Zwanghaften und Konventionellen an. “Eine Strategie ist ein längerfristig ausgerichtetes planvolles Anstreben einer vorteilhaften Lage oder eines Ziels”, ist bei Wikipedia nachzulesen. Ist also die Aufgabe des Gestalters, Kommunikation so zu konzipieren, dass für jemanden oder etwas eine vorteilhafte Lage entsteht? Wahrscheinlich würden bei dieser Frage Unternehmer vornehm nicken, aber funktioniert das bei künstlerischen Äußerungen genauso? Können durch die gestalterische (Re-) Präsentation eines Gedichts, Gemäldes, Videos konkrete Vorteile oder Ziele erreicht werden – für das Kunstwerk, oder eine Größe außerhalb des Kunstwerks? Widerspricht eine solche Fokussierung nicht der subversiven und visionären Kraft eines jeden guten Kunstwerks?
Das Bild des Gestalters als Übersetzer scheint uns im Kontext kultureller Äußerungen wesentlich passender – im Falle von subvision das des Simultan-Übersetzers. „Das Wort übertragen, übersetzen hält in den osteuropäischen Sprachen beziehungsreiche etymologische Winke bereit. Das tcheschische „pŕekladat“ (übersetzen) ist in direkter Abkunft gleichbedeutend mit dem deutschen „über-legen“. Im Polnischen heißt „tumaczyć“ (übersetzen) wörtlich „er-klären“. Das russische „pjerevodit“ (übersetzen) bedeutet „über-führen“. Alle diese Deutungsmöglichkeiten – überlegen, erklären, überführen – bilden den großen Auftrag des Übersetzens“, erläutert Karl Dedecius in seinem 1986 erschienenen Buch „Vom Übersetzen“.
subvision ist ein Projekt, das für 12 Tage mehr als 30 Künstlerinitiativen zusammenbringt, die multimedial alternative Wege des Kunstschaffens und -vermittelns ausloten. Von Beginn an verstand sich subvision als ein „Work in Progress“, als ein Festival, das nicht kategorisiert und archiviert, sondern ausschnitthaft einen Prozess zeigt. Als Gestalter (Übersetzer) mussten wir also nicht auf einen klar konturierten Inhalt reagieren, sondern waren gefordert, einen lebendigen inhaltlichen Prozess zu begleiten.
Ein hohes Maß an Individualität, Offenheit und Kraft ist darum in unserer gestalterischen Haltung wichtig. Auch der Aspekt des Unkonkreten – ein Albtraum für jeden Corporate-Designer – spielt eine wichtige Rolle. Begriffe wie Aneignung, Brüchigkeit, Störung, Behauptung, Intervention und Unvorhersehbarkeit bilden weitere Eckpunkte der gestalterischen Herangehensweise. Ausgehend vom diskursiven Charakter des Festivals und seiner Entstehung, haben wir Versatzstücke dieser Kommunikation verwendet, um die Inhalte des Festivals zu übersetzen. Die grafische Konfrontation und Überlagerung der Aktionen und Äußerungen von Festivalmachern, -teilnehmern und -kritikern funktionieren wie Momentaufnahmen. Die Gestaltung soll nicht kommentieren oder synthetisieren, sondern sammeln und beleuchten. Das bedeutet natürlich auch, dass die grafische Sprache sich im Prozess entwickeln kann, dass grafische Produkte entstehen, die ausscheren. Perfektion und Stringenz sind nur möglich durch Kontrolle und – wie oben schon angedeutet – kommunizieren sie auch Kontrolle. Eine Aussage, die subvision nicht machen will. „Wer übersetzt, anthologisiert, sammelt, sucht mehrere Antworten zugleich, in der Hoffnung, es könnte eine darunter sein, die weiterhilft“, sagt Karl Dedecius an anderer Stelle.
Als Gestalter haben wir den visionären Zustand des Festivals begleitet, wir sind im Moment der Entstehung dieses Textes in der Phase der Konkretisierung und werden auch die Rückschau begleiten. Nehme ich die Idee des Simultan-Übersetzens ernst, macht es an dieser Stelle wenig Sinn, auf formale Details unserer Gestaltung einzugehen. Das formale Detail ist nur im Moment wichtig, die gestalterische Haltung aber für die gesamte Kommunikation entscheidend.