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Im Endergebnis seid ihr Produkte - wärt gern Summen

Beitrag von Olaf Bargheer Vor dem Start der “HafenCity bleibt!” Runde im Baltic Raw Tower zog sich schweres Wetter von Richtung St. Pauli über dem Strandkai zusammen. Das konnte, wer mochte, metaphorisch sehen. Zwei Stunden später war man durchaus schlauer und angenäherter, ein Commitment oder eine Chance für eine befriedigendere Hamburger Stadtplanung kam erwartetermaßen nicht zustande.

Die seit den späten neunziger Jahren strategisch geplante HafenCity ist in der Hamburger Melange aus Gentrifizierung, Wachstum, innerstädtischer Wohnungsnot, Immobilienspekulation und Verdrängung gewachsener Kiezstrukturen ein beliebter Kristallisationspunkt für Anfeindungen. Wenngleich, was Bianca Penzlien von der HafenCity Hamburg GmbH deutlich machen konnte, das neue Quartier nicht für die in der Tat traurigen Prozesse auf St. Pauli oder in der Schanze in Haft genommen werden kann. Die HafenCity, daraus machte sie keinen Hehl, ist ein strategisch entworfener urbaner Raum, der eine Industriefläche immensen Ausmasses zum neuen städtischen Zentrum machen will. Inklusive City-Branding mit Leuchtturmbauten wie der Elbphilharmonie oder dem Überseequartier. Dass innerhalb dieser Planung auch Genossenschaftsbauten, Kitas und öffentliche Plätze bedacht werden, wurde ihr als “freundlich” gedankt, half ihr aber nicht angesichts einer grösseren Frage, die dräuend über dem mittlerweile nasstriefenden Baltic Raw Tower hing: “Wem gehört die Stadt.”

Eine top-down geplante kulturelle Belebung eines architektonisch clean wirkenden Retortenstadtteils wird von Hamburger Künstlern als geradezu anmaßend empfunden, weil im Gegenzug gewachsene kulturelle Strukturen in anderen Stadtteilen durch Mieterhöhungen und den Zuzug von finanzstärkeren Bewohnern zerstört werden. Stadtteile, die, in ihrer irgendwie subkulturellen Ausprägung, bislang das Bild Hamburgs ausmachten. Die Kunst, hiess es zur Pudel Art Basel treffend, galt in Hamburg bis vor Kurzem noch als “der grosse Ungewaschene”. Nun also gewaschene Leuchtturmprojekte und gewaschene Off-Künstler? Welches Pulverfass hier glimmt, lässt sich aktuell im Gängeviertel oder im Dokumentarfilm “Empire St. Pauli” beobachten.

Das subvision Festival bildet in diesen Zusammenhängen einen ebenso heiklen Kristallisationspunkt: “Warum supportet die HafenCity eigentlich ein einmaliges Festival, anstatt langfristig Strukturen und Produktionsorte für Kunst innerhalb des Stadtraums zu schaffen?”

Die zeitliche Parallelität zwischen Gängeviertelbesetzung und subvision Festival zeigt in der Tat die unterschiedlichen Kräftefreisetzungen auf; einerseits von geförderten, professionell organisierten Großveranstaltungen (top-down, zumindest in der subvision Organisationsstruktur), anderseits von eigeninitiativ und mit flachen Hierarchien organisierten Projekten, die auch ohne anfängliche Lobby eine grosse Resonanz haben (bottom-up, zumindest bis es darum geht, verlässliche Gängeviertel-Ansprechpartner für Runde-Tisch-Gespräche mit der Stadt zu haben). Dass sich im laufenden Betrieb beide Verfahrensweisen einander annähern, zeigt sich bei subvision durch die von den Künstlerinitiativen eigeninitiativ organisierten kontroversen Veranstaltungen - während die Gängeviertel-Initiatoren mittlerweile auf die Lobbywirkung eines “Schirmherren” Daniel Richter setzen und mit der erfolgreichen Durchsetzung eines Künstlerquartiers wohlmöglich eine Gentrifizierung ganz eigenen Ausmaßes freisetzen.

Hamburg sollte sich mit beiden Verfahrensweisen identifizieren. Freie kreative und künstlerische Entfaltung ist immerhin innerhalb beider Strukturen möglich. Auch in dem vermeintlich so unlebendigen Stadtteil HafenCity: Eine Sozialarbeiterin, die seit drei Jahren in einem Genossenschaftsbau am Kaiserkai wohnt, berichtete von einer unerwartet hohen Lebensqualität und nachbarschaftlichen Nähe.

Dass subvision als Austauschplattform für eine alternativ operierende internationale Kunstszene funktioniert, sah man beim Blick ins Publikum und beim Lauschen der vollständig ins Englisch übersetzten Statements. Die Erfahrungen der Künstler aus Amsterdam, Zürich, Reykjavik oder Stuttgart rückten die Hamburger Defizite in ein gedimmteres Licht: Städteplanung und Gentrification geht noch harscher.

Im Anschluss an den in manchen Beiträgen forschen “HafenCity bleibt!” Schlagabtausch battleten die Frankfurter Poetryslammer Word Alert. “Im Endergebnis seid ihr Produkte - wärt gern Summen” war ihr Outro. Und auch, wenn es keinen dramaturgischen Bezug zur vorangegangenen Diskussion hatte, eine anspielungsreiche Überschrift war damit gefunden.

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3 Antworten zu “Im Endergebnis seid ihr Produkte - wärt gern Summen”

Keine Trackback-Funktion hier? Schade. Habe auch etwas dazu geschrieben und versuche die Tage noch Audio/O-Ton nachzuliefern!



Hmmm, eigentlich sind Trackbacks und Pings und alles aktiviert. Wir freuen uns auf deinen Audiomitschnitt.



“eigentlich” würden dann hier Trackbacklinks erscheinen, tun sie aber nicht. Gibts das Blog auch als RSS? Ganz schön seltsam, lasst Euch das doch mal von erfahrenen Bloggern zeigen. Schadet nicht.



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