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In, auf und zwischen den Containern

Beitrag von Jennifer Smailes über die unabdingliche Störung der Struktur.

Die von der Architekturwerkstatt Hamburg geplante Festivalarchitektur hat es oft nicht leicht. Sie wurde viel kritisiert: als “vielleicht etwas zu platt“, als “maritim” und als “nicht sonderlich neu“, weil bei der Art Basel Miami schon da gewesen (kunstmarkt.com), als “zu dominant gegenüber der Kunst” (synecstasy.com) oder an einen “Künstlerstreichelzoo” erinnernd (Jan Holtmann, noroomgallery), an einen Setzkasten für besonders seltene Exemplare der Kunstwelt. Durchaus bewusst gesetzte Sinnbilder wie der zentrale “White Cube“ der Festivalhalle werden zweckentfremdet als Anlaufstelle für Sturmopfer, als Obdachlosenasyl mit brennender Öltonne.

Doch manchmal sieht man vor lauter Containerstadt den einzelnen Container nicht, vor Off-On-Debatte die einzelne Initiative, den Künstler, das Kunstwerk.
 Die Architektur soll bei subvision zunächst als Rahmen funktionieren, so erklärt es zumindest Simon Putz im Festivalführer, der Container soll als kleinster gemeinsamer Nenner funktionieren, an dem die sehr unterschiedlichen Initiativen sich abarbeiten können. Das mag problematisch für einige Initiativen sein, wenn zum Beispiel Marita Fraser von Bell Steet beschreibt, dass sie Off-Spaces als sehr sensible und subjektive Orte sieht, deren Kunstpraxis mit der Kälte und Exponiertheit der zugewiesenen Container zu kämpfen hat. Oder es kann dazu führen, dass die Kistenform doch zu sehr verlockt, kleine weiße und schwarze Kuben zu schaffen – fast wie auf den Kunstmessen, denen subvision programmatisch entgegen stehen möchte. Konsortium aus Düsseldorf nahm diese Konnotation auf und schuf inmitten des blauen Teppichs ein glattes weißes Kiesfeld, das so gar nicht mehr rough oder verwegen erscheinen möchte und auch am Miami Beach das Bild nicht gestört hätte.

Andere Initiativen arbeiteten näher am Bild des Containers, der nicht nur in Hamburg mit starker Bedeutung aufgeladen ist: Chto delat zum Beispiel, wenn sie in ihrer Performance „Illegal Migrant“ auf einem Container stehend Texte zu erstickenden chinesischen Flüchtlingen verlesen, während aus der verschlossenen Blechbox unter ihnen dumpfe Schreie und Schläge gegen die hallenden Wände ertönen bis sie kurz vor Ende der Performance verstummen. Bewusst gewählt ist dabei ihr Standort auf einer Arbeit von Zoro Feigl. Die bewegte Skulptur “Offshore / Onshore“ des Künstlers von De Service Garage aus Amsterdam besteht aus einem Container, der mithilfe einer Hydropneumatik in schwankende Bewegung versetzt wird. Im Container stehend sieht man nur eine leicht mit der Bewegung mitgehende Lampe, hört das Knarzen des Metalls und spürt im Zwielicht leichte Seekrankheit, aufkommende Klaustrophobie. Weniger die Seereise wird einem hier vor Augen geführt als das Bild der Flucht und Ungewissheit, des Menschen- und Tiertransports. Welcher Preis muss gezahlt werden, um ein menschenwürdiges Leben führen zu dürfen?

Auch in einer weiteren Arbeit der Service Garage werden Ideen von Zugang und Zugangsverweigerung ausgehandelt – sowohl der Zugang zu Macht und Mitteln als auch zu den Spären der Kunst. Zwei übereinander stehende Container wurden mit schwarzer Folie umwickelt, so dass sie ein hartes, unzugängliches Wahrzeichen abgeben. Die auf dem subvision-Gelände omnipräsenten Logos der Sponsoren wurden verdeckt aber mit Sprühfarbe und Schablone wieder an die Oberfläche geholt, während zwei Fahnen das Dach des Monolithen krönen: “Private Democracy“ und “Art for Power“.

“Alternative Spaces“ von Gugulective beleuchtet die umgekehrte Seite dieses Phänomens. Während die Betrachter in ihren als Wohnraum eingerichteten Container eintreten dürfen, wird ihnen ihre Rolle als Beobachter und Eindringlinge deutlich vor Augen geführt. Auf dem Rücken liegend sieht man die Wohnung einer Familie verkehrt herum an der Decke installiert, quasi aus der Gottesperspektive. Anders als einem Gott ist einem das Eingreifen allerdings durch eine Plexiglasscheibe verwehrt. Im Detail sieht man die politische Haltung der Bewohner: Liegengelassene Bücher, Fotos und an die Wand geschriebene Sprüche dokumentieren das Leben von Aktivisten in dem von Apartheit geprägten Südafrika. Der Wohnraum im Container wird zur politischen Zelle, zum alternativen Raum und zum Schutzort für das Marginalisierte.

Ein letztes Beispiel nimmt eben jenen Gedanken auf: Das von YKON initialisierte World Game simulierte eine für sechs Jahre eingefrorene Welt, in der nur die “Überlebenden“, die Mitspieler geschützt und abschirmt von der Welt noch aktiv in den Zustand der Gesellschaft eingreifen können. Der Container fungiert in diesem Fall als Gewächshaus der Utopien. Geschützt von der Realität, finanziellen Bedingungen oder von eigenem und fremdem Skrupel wurde den Beteiligten ein luftleerer Raum geschaffen, in dem sie frei nach Neigung und Gewissen handeln sollten.

So unterschiedlich diese Beispiele auch sind, sie spiegeln doch alle auf ihre Art auch die Thematiken und Bedingungen eines “Offs“ wieder, oder auch die Gründe, weshalb sich alternative Kunstorte bilden: Wie in den Containerboxen, werden in verschiedenen Kontexten alternative Kunsträume geschaffen, teils um Schutzräume für Kunst zu schaffen (so wie zum Beispiel i-cabin, welche die Kunstproduktion auf ein Stück einsames Land verlagern, um die Zielsetzung von der Präsentation der Kunst auf den Prozess und die Auseinandersetzung zu lenken), teils um einem möglichen Anderen Öffentlichkeit zu schaffen (wie bei Publish and be Damned, die regelmäßig Messen für Fanzines veranstalten und dort die Möglichkeit des bewussten Diletantismus aufrecht erhalten). Ebenso werden bei subvision aber auch die Gefahren eines solchen Vorgehens deutlich, nämlich die Marginalisierung durch die Annahme eines Prädikats wie „off“, das Auslagern, Einkartonieren und Händelbarmachen des unberechenbaren Dritten, und auch das sich in der eigenen Blase verschanzen. Auf diesem schmalen Grat bewegt sich die Mehrzahl der eingeladenen Initiativen, jeweils vor ihrem eigenen lokalen Hintergrund, und dort verlaufen auch die Diskussionen des Festivals, wenn es um die Frage nach Hoch-, Sub- und Massenkultur geht, um Off und On und um die Definitionsmacht über all diese Begriffe.

Einen passenden Satz formulierte in diesem Zusammenhang Berglind Hlynsdottir von Kling & Bang im Zuge der Podiumsdiskussion zum Thema “Selbstorganisation“. Sie sagte über die Ausstellungsarchitektur von subvision: “Dies ist eine super Struktur. Sie wurde geschaffen, damit wir uns treffen können und sie wurde geschaffen, damit wir sie übernehmen können. Und wenn wir das nicht machen, dann scheitern wir auf einer Ebene. Natürlich ist da ein Anteil an Kontrolle aber es ist auch unsere Verantwortung, uns damit auseinander zu setzen.“

Von der klaren Stuktur des Festivalgeländes unbegeistert, überlegte das Kuratorenkollektiv Komplot aus Brüssel während des Aufbaus, seinen Container komplett verschlossen zu lassen. Bei der Eröffnung sprangen Sie stattdessen vom Dach eines doppelstöckigen Containers in riesige Sandhaufen: Auch hier ein Versuch, die Struktur zu brechen.