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Tauschgeschäft unter Ungleichen

Beitrag von Ele Jansen Seit Richard Floridas Idee, dass eine vibrierende “Creative Class“ maßgeblich zur Attraktivität eines Wirtschaftsraumes beiträgt, verweisen Stadtmarketer mit Vorliebe auf “ihre Kreativen“. Dabei wird oft vergessen, dass eine ausgeprägte Kreativszene gefüttert wird durch eine aktive Off-Szene mit jungen Künstlern, die neben dem Mainstream denken und mit Alternativen um die Ecke kommen, die von der konsumierenden Masse begierig aufgenommen werden. Hamburg ist so eine Stadt, die eben diesen Glanz, etwas Schmuddel, viel Underbelly und Szene zu bieten hat. Und dieser Mix zieht sie an, die hochqualifizierten Leute, die jede Stadt für ihre steuerzahlenden Unternehmen so gern locken möchte. Angesichts dieser Logik verwundert es dann allerdings, wenn alternativ genutzte Brachflächen an Großinvestoren verkauft werden und damit die Orte schwinden, an denen unkommerzielle Kreativität entsteht.

Denn “Off“ entsteht zunächst einmal dort, wo es nichts kostet; in einem Raum, der kommerziell nicht genutzt wird: alte Fabrikhallen, leer stehende Gebäude und Flächen. Sollen diese verkauft oder gentrifiziert werden, regt sich in der Szene natürlich Unmut. Nun könnte man argumentieren, dass am Stadtrand genügend freie Fläche für Kunstschaffende vorhanden ist. Dieser Ausweichmöglichkeit steht zweierlei entgegen. Zum einen sind Künstler angewiesen auf gesellschaftliche Reibung, Komplexität, Vielfalt und Entwicklung, die vornehmlich in den Zentren zu finden ist. Zum anderen brauchen die Städte ihre Kreativen, nicht zuletzt, um für die wirtschaftlich wichtigen, hoch qualifizierten Fachkräfte attraktiv zu sein. Dementsprechend beweist jede Metropole Geschick, wenn sie ihren freien Kreativen Raum bietet.

Das Beispiel von Sydney könnte wegweisend sein. Im Stadtteil Rozelle der australischen Metropole wurde per Einwohnerentscheid abgestimmt, ob ein Park verkauft oder zur Selbstverwaltung frei gegeben werden sollte. Dieses Modell könnte Schule machen, auch wenn es eine finanziell relativ unabhängige Kommune voraussetzt und es schwer absehbar ist, wie (sinnvoll) ein Bürgergremium die Flächen nutzbar macht.

Und in Hamburg? In der HafenCity gibt es eine Brachfläche, die noch ihrer Bestimmung harrt. Auf dem dortigen „Strandkai“ ein Off-Festival zu veranstalten ist  zunächst einmal der Notwendigkeit entsprungen, dass man eine geeignete Fläche suchte, die einem so groß ausgelegten Festival möglichst viel Aufmerksamkeit und damit Besucher verschaffen würde. So passiert hier im Grunde etwas Besonderes: Eine stadteigene GmbH mit kommerziellen Interessen öffnet sich temporär der alternativen Nutzung ihrer Brachflächen und kann sich im Gegenzug über einen positiven Imagegewinn freuen. Ein offensichtlich beiderseits gewinnbringendes Tauschgeschäft unter Ungleichen.

Wer nun vermutet, dass sich hinter dem Festival das Bestreben verbirgt, die HafenCity zu gentrifizieren hat meiner Einschätzung nach erstens die HafenCity nicht verstanden und ebenso wenig das Prinzip der Gentrifizierung. Die Belebung eines Viertels passiert selten “top down”, sondern meist “bottom up”, also durch die Anwohner selbst.