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We are not off

Statement von Chto delat In Zusammenhang mit der sich entwickelnden Situation des subvision-Projekts in Hamburg finden wir – die Chto delat-Plattform – es notwendig, ein Statement bezüglich unserer Teilnahme zu abzugeben. Nur einige Monate vor der Festivaleröffnung erhielten wir und viele andere Teilnehmer Schreiben von nicht-offizieller Seite, die uns davor warnten, dass das Festival das Produkt und ein Instrument der neoliberalen Hegemonie sei und ein Mittel, für das kreative Potenzial der gentrifizierten HafenCity in Hamburg zu werben. Auch wurde uns gesagt, subvision habe Geld erhalten, das sonst örtlichen Initiativen zugute käme, Geld, das nun verwendet wird, um Hamburg als Zentrum der „Kreativindustrien“ zu branden. Natürlich wissen wir nicht genug über Hamburg, also war es schwierig herauszufinden, was sich tatsächlich abspielt. Die Briefe, die wir erhielten, beinhalteten eine Menge sich widersprechender Informationen und persönlicher Details, doch die erhobenen Vorwürfe waren offensichtlich gut begründet. Siehe dazu: Website “art, money and real estate”, Website “Wir sind woanders”, TAZ Artikel. Trotzdem haben wir uns entschieden, bei subvision teilzunehmen. Warum? Wie bei allem, was wir machen, ist dies eine politische Entscheidung, die auf unseren kollektiven Prinzipien im Umgang mit Institutionen beruht. Worin bestehen diese Prinzipien und wie beziehen sie sich auf diese Situation?

[1] Zunächst müssen wir ganz klar sagen: Chto delat ist kein „Off“-Projekt. Es stimmt, dass die Bedingungen in Russland sehr repressiv sind. Folglich sind unsere Ressourcen und unsere Sichtbarkeit begrenzt. Dennoch bestehen wir darauf, dass Selbstmarginalisierung nicht die Antwort sein kann. Nach unserer Erfahrung, entpolitisiert und ghettoisiert es Künstler und Intellektuelle in einem bequemen Nonkonformismus, dem jegliche klare Artikulation fehlt. Stattdessen finden wir es extrem wichtig, jeglichen Raum zu nutzen und anzufechten, der sich uns durch welchen verrückten Zufall auch immer bietet, als Ort für unsere unzensierte Propaganda und Kunst. Teilnahme ist nicht einfach Kollaboration, sondern ein Kampf um die Kontrolle über kulturelle Produktionsmittel. Wir finden, dass wir es sind, die Werte produzieren und Entscheidungen treffen, die für die Kultur und die Gesellschaft wichtig sind – und nicht nur für den institutionellen Rahmen. Das bedeutet, dass wir bereit sind, mit Projekten und Institutionen zu interagieren, auch wenn wir nicht mit ihren Zielen einverstanden sind. Denn wir verfolgen unsere eigenen Ziele.

[2] Für Chto delat ist einer der wichtigsten Punkte, unsere Arbeit nicht von übergeordneten Projekten bestimmen, zensieren oder verfälschen zu lassen. Im Falle von subvision fanden keine direkten Versuche, dies zu tun, statt. Sollte das vor Ort geschehen, werden wir sofort dagegen protestieren, indem wir das Festival boykottieren und verlassen. Doch natürlich gibt es eine indirekte Verfälschung, die mit der kuratorischen Rahmung des Projekts an diesem bestimmten Ort zusammenhängt. Wir sind nicht naiv und wissen, dass unser Beitrag – in dem es um die kollektive Suche nach Alternativen in einer höchst repressiven Situation geht –, ein „globaler Protest“ ist, und wir sind sehr kritisch bezüglich der Weise, in der diese Repräsentation gehandhabt wird. Wir befürchten, dass wir als künstlerische Gastarbeiter hierher gebracht wurden, um die lokale „Off-Szene“ zu konfrontieren. Doch gleichzeitig glauben wir, dass es sehr wichtig ist, reale Räume für Solidarität und Austausch zwischen den Initiativen zu schaffen, die TATSÄCHLICH nach Alternativen suchen, das ist erklärtermaßen subvisions Ziel – und unsere Aufgabe besteht darin, das zu verwirklichen. Als uns die Liste der eingeladenen Teilnehmer gezeigt wurde, waren wir froh nicht nur festzustellen, dass viele andere Gastarbeiter bereits unsere Freunde und Genossen sind, sondern auch deshalb, weil ihre Präsenz die verantwortungsvollen politischen Entscheidungen seitens der Organisatoren widerspiegelt. Insbesondere findet die Entscheidung, israelische Künstler, die nach Alternativen in einer fast hoffnungslosen Konfliktsituation suchen, einzuladen, unsere Zustimmung. Diese Entscheidung richtet sich gegen den unausgesprochenen Boykott von israelischen Künstlern und Intellektuellen im heutigen Westeuropa, der unglücklicherweise die falschen Personen trifft. Mit anderen Worten, hoffen wir, dass die tatsächliche Kommunikation zwischen diesen unterschiedlichen Gruppen die unvermeidliche Instrumentalisierung und Verfälschung unserer jeweiligen Positionen aufwiegen wird.

[3] Adäquate wirtschaftliche Bedingungen für Kulturarbeiter sind eine wichtige politische Frage. Es ist notwendig festzustellen, dass Selbstorganisation nicht unbedingt Selbstausbeutung bedeuten muss, und dass man nichts gewinnt, wenn man sich einer Bezahlung verweigert, denn so etwas wie „schmutziges Geld“ oder „reinen Kommerz“ gibt es nicht. Übrigens haben wir keinerlei Vertrag mit subvision unterschrieben und ihnen auch nicht das Copyright auf unsere Arbeit übertragen. Die finanziellen Bedingungen, die subvision anbot, sind fair genug in Anbetracht der Größe des Projekts und erlauben uns, uns auf unsere Aufgaben als Künstler und Schriftsteller in diesem Kontext zu konzentrieren. Darüber hinaus ermöglichen sie, Mitgliedern von Chto delat nach Westeuropa zu reisen und direkt auf den wenig erfreulichen Kontext von subvision mit eigenen Interventionen reagieren zu können. Wir sind uns völlig bewusst, dass JEGLICHES kulturelle Produkt als Ware gegen seine Produzenten instrumentalisiert werden kann. Doch wir sind uns auch sicher, dass es notwendig ist, für die Wiederaneignung der ideologischen und materiellen Dividenden zu kämpfen, die die neoliberale Kulturpolitik aus unserer Arbeit zu ziehen versuchen wird. Dies ist nur möglich, indem man Räume innerhalb des Objekts unserer Kritik besetzt und sie verwendet, um den Status Quo herauszufordern. Hier müssen wir eine fundamental andere Politik betreiben, die auf Gleichheit und kollektiver Teilnahme beruht. Wir glauben nicht, dass wir zu schwach sind, einem diabolischen Plan zur Instrumentalisierung unserer Arbeit für etwas, gegen das wir sind, zu widerstehen. Wir können es ruhig öffentlich aussprechen: Unsere Politik zielt darauf, Orte wie HafenCity, nicht nur in Hamburg, sondern überall, zu einem Ding der Vergangenheit zu machen. Sehen Städteplaner plötzlich die Notwendigkeit, uns einzubeziehen, dann ist unser Ziel, eine Situation herzustellen, in der Kunst die Städteplaner nicht braucht. Das bedeutet, dass das eigentliche Schlachtfeld in der Kultur auch innerhalb eines Projekts wie subvision liegen kann und nicht draußen, im „Off“. Hier können wir die Natur eines solchen Projekts in Frage stellen und unsere Stärke zeigen.

[4] Wir glauben, dass kollektive politische Artikulation – sich über sich selbst klar werden – das zentrale Anliegen unserer Arbeit ist. Wir hoffen aufrichtig, dass unsere Präsenz in Hamburg dazu beitragen wird, die Kritik des subvision-Projekts zu konkretisieren. Bisher ist diese Kritik beeinflusst von den Launen persönlicher Korrespondenzen, von Gerüchten und oberflächlichen Urteilen, als wäre alles „bereits klar“. Doch die Konsenspunkte bleiben unscharf und sind noch nicht hinreichend kollektiv oder öffentlich artikuliert worden. Wir haben die einzigartige Gelegenheit zu einem persönlichen Treffen, um die Situation zu diskutieren. Chto delat ist mehr als bereit, eine Plattform für eine Kritik von subvision und ähnlichen Festivals und Camps zur Verfügung zu stellen. Wir sind auch bereit, alles zu tun, damit diese Kritik ein möglichst breites Publikum erreicht. Daher laden wir Sie zu einer Diskussion mit dem allgemein gehaltenen Titel „Selbstorganisation: Zwischen Repression und Rückgewinnung? Wo ist der Ausweg?“ ein, die wir während unseres Aufenthalts in Hamburg am 29. August veranstalten werden.

Lasst uns diesen Raum nutzen! Lasst uns nicht „off“ sein! Schmeißen wir stattdessen diejenigen raus, die meinen, sie könnten mit schmutzigen Tricks die Künstler spalten und die Kunst für ihre beschissenen Zwecke der Gentrifizierung und der Herstellung von Ungleichheit nutzen!

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